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An dieser Stelle vielen, vielen dank an die Lenny, die diese mega geile Fanfiction geschrieben hat!
Ihr müsst sie lesen! Wirklich! Das is die beste die ich gelesen hab!
Ein kleiner Tipp,...bitte, bitte, bitte, lest das Ende nicht zuerst! ich habs euch gesagt!


so und jez viel spaß beim lesen!
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Aus dem Schatten ins Licht


1.

Piep, Piep, Piep. Das Klingeln meines Weckers riss mich aus dem Schlaf. Wie gerne wäre ich liegen geblieben und hätte einfach weiter geschlummert. Aber es ging nicht. Heute war Montag und ich musste wohl oder übel in die Schule, egal wie wenig mir das gefiel. Missmutig schälte ich mich aus meiner Bettdecke und stand auf. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir, dass das Wetter heute genau zu meiner Laune passte. Der Himmel war schwarz und die dunklen Wolken ließen nur wenig Licht durch. Es regnete in Strömen.

Mir graute vor der Schule. Meine Noten waren in Ordnung. Nicht herausragend, aber auch nicht schlecht. Gutes Mittelmaß eben. Das einzige Fach, oder überhaupt die einzige Sache, in der ich begabt war, war Deutsch. Ich liebte es zu schreiben, ich tat es auch in meiner Freizeit. Meistens Kurzgeschichten. Aber davon wusste niemand. All die Dinge, die mir durch den Kopf gingen und die ich aufschrieb, lagen in einer Schublade meines Schreibtisches. Noch nie hatte ein Mensch außer mir sie gelesen. Ich wollte es nicht, denn das alles war ein wichtiger Teil von mir, den ich nur Menschen preisgab, denen ich wirklich vertraute. Und diese Menschen gab es nicht, Nicht einen. Es interessierte sich auch niemand für mich. Ich war eine graue Maus.

Vor zwei Jahren, als ich zwölf war, hatten sich meine Eltern getrennt und ich war mit meiner Mutter nach Magdeburg gezogen. Als ich am ersten Tag in die Klasse gekommen war, hatten mir ein paar nur kurz Hallo gesagt. Der Rest hatte selbst das nicht getan, ich war uninteressant. Die Klasse war unterteilt in verschiedene Cliquen. Und nirgendwo hatten sie mich haben wollen, zumindest hatten sie keine Anstalten gemacht, mal mit mir zu reden. Ich hatte es ein paar mal versucht, aber als ich dann mitkriegte, dass schon alle hinter meinem Rücken tuschelten, ich sei eine nervige Mitläuferin, gab ich es auf. Sie wollten mich halt einfach nicht haben, das musste ich akzeptieren. Denn wenn ich eins hasste, war es Selbstmitleid. Das war arm, das hatte ich nicht nötig.

Schließlich wurde ich zur totalen Einzelgängerin, die niemand groß beachtete. Das ich mal Aufmerksamkeit geschenkt bekam, passierte eigentlich nur, wenn wir in Deutsch einen Aufsatz geschrieben hatten und meiner mal wieder der beste war. Dann lobte mich unser Lehrer vor der ganzen Klasse. Doch das war mir eher unangenehm, denn dann musste ich mir wieder Sticheleien, wie ´Streberin´, oder ´Schleimer´ von den anderen anhören. Ich wollte doch gar nicht auffallen. Einfach Luft sein und irgendwann verschwinden, ohne dass es überhaupt einer bemerkte. So würde mein Leben verlaufen und eine Veränderung schien nicht in Sicht.

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt nur gewusst, dass dieser scheinbar graue Montag mein ganzes Leben verändern würde...

Ich ging ins Bad und machte mich fertig. Frühstücken tat ich nicht. Richtigen Hunger hatte ich nie, mir schien es fast so, als wäre ich zu unwichtig, um Hunger zu haben. Wenn ich nichts essen und irgendwann sterben würde, würde es wahrscheinlich keinem auffallen. Naja, meiner Mutter vielleicht. Sie war eigentlich der einzige Mensch, mit dem ich ab und zu redete, abgesehen von den Lehrern. Aber wirklich viel Zeit verbrachten wir nicht miteinander. Sie hatte einen Ganztagsjob, der is voll einnahm. Ab und zu fragte sie mich, ob alles in Ordnung wäre und ich antwortet immer mit ja. Es war ja auch eigentlich alles in Ordnung. Ich hatte schon lange kein Problem mehr damit, ein Einzelgänger zu sein.

´Schatz, es wird heute Abend etwas später, ich muss noch zu einem Geschäftsessen.´ Hektisch packte meine Mutter ihre Unterlagen zusammen. Sie trug ein graues Kostüm, da sie in einer Anwaltskanzlei arbeitete. Ich fand, dass diese Klamotten gar nicht zu ihr passten. Sie war eigentlich ein Mensch, der bunte, fröhliche Sachen trug. Aber wenn der Job es verlangte. Ich schaute an meiner Kleidung herunter. Zerschlissene Jeans und ein schwarzes Oberteil. Auch meine Haare waren schwarz gefärbt. Ich liebte diese Farbe, sie passte zu mir. Zu meinem Leben. Das Einzige, was an meinem Äußeren vielleicht besonders war, waren meine stechend grünen Augen. Aber wer achtete schon auf solche Kleinigkeiten.

´Ist ok´, antwortet ich. Und das war es auch, ich mochte es, allein zu sein, es machte mir nichts aus. ´Gut mein Schatz, bis dann. Ach ja, bestell die heute Mittag doch was bei Chinesen. Ich hab dich lieb.´ Schnell drückte sie mir eine Kuss aufs Haar und dann war sie auch schon davongerauscht, sie hatte es heute mal wieder eilig. Ich ging nochmal in mein Zimmer, um ein paar Sachen für die Schule zusammen zupacken und dann machte ich mich auf den Weg. Ich hatte meine schwarze Jacke an. Ich liebte dieses Kleidungsstück, auch wenn sie schon etwas verschlissen war, wollte ich keine neue. Ich klappte den Kragen hoch und ging in gebückter Haltung los. Bis ich in der Schule sein würde, war ich wahrscheinlich klitschnass. Aber das war mir egal, wie so vieles. Ich mochte den Regen.

2.

Während ich ging, schaute ich nicht gerade aus, so dass ich plötzlich in jemanden hineinlief. ´Huch, welch Freude, da werde ich schon am frühen Morgen von den Mädels umgerannt.´ Ich schaute auf und blickte in das grinsende Gesicht eines Typen. Er hatte ein Lippenpiercing und Dreds. Den kannte ich doch irgendwoher...

Er war einer diesen durchgeknallten Zwillingen, die in meine Parallelklassen gingen. Ich hatte schön öfters mitgekriegt, wie sich meine Mitschüler über die zwei lustig gemacht hatten. ´Entschuldigung´, brachte ich nur schnell hervor und wollte schon wieder weitergehen. ´Jetzt warte doch mal.´ Hatte er jetzt wirklich mich gemeint? Nicht im Ernst oder? Ich ging einfach weiter, ich hatte mich bestimmt getäuscht. ´Hey´ ´Tja Tom, net alle weiblichen Wesen auf diesem Planeten stehen auf dich.´ Dann war wohl doch ich gemeint gewesen. Unsicher drehte ich mich wieder um. Neben dem Typen, der mit Tom angesprochen worden war, stand sein Bruder. Als ich mal aufgeschnappt hatte, dass die beiden Zwillingen waren, hatte ich es erst gar nicht glauben können, denn ihr Aussehen unterschied sich sehr stark voneinander. Während Tom mehr auf Hip Hopper machte, hatte sein Bruder schwarz gefärbte Haare, welche verwuschelt waren. Eine Strähne hing ihm über das linke Auge. Er trug zerschlissene Jeans und eine engere, dunkle Jacke. Er war mir irgendwie sympathisch. Auch den beiden schien der Regen nichts auszumachen.

Mit mir wollten sie aber sicher nichts zu tun haben, warum also hielt mich dieser komische Tom auf? ´Meinst du mich?´ ´Sonst sehe ich hier keine Mädchen, was in mich reingerannt ist.´ Er grinste wieder. ´Tom steht auf sowas´, der andere Zwilling lachte und wurde von seinem Bruder zur Strafe sofort in die Seite geboxt. ´Mensch Bill, du bist heute so derbst witzig, ich kipp gleich um.´ ´Is ja schon gut, Bruderherz.´ Bill grinste immernoch, diesmal zu mir. Er sah nett aus. ´Tja Jungs, ich muss jetzt zur Schule, also...´ Doch Bill unterbrach mich. ´Wir auch, wir begleiten dich, stimmts Tom?´ ´Aber immerdoch´ Und ehe ich mich versah, hatten sich die zwei links und rechts bei mir eingehakt. Das waren mir wirklich komische Kerlchen. ´Seid ihr immer so?´, fragte ich. ´Wie meinste das?´ Bill, der links von mir war, schaute fragend zu mir rüber. ´Na, so stürmisch´ ´Wer hat mich denn fast umgerannt?´, tönte jetzt Tom von rechts und plötzlich lachten die beiden. Erst war ich etwas unsicher, doch dann merkte ich, dass es ein nettes Lachen war. Sie lachten nich über mich, sondern mit mir. Ich musste lächeln und das kam wirklich selten vor. ´Wie heißt du eigentlich?´, fragte Tom. ´Dana´ ´Schöner Name´ Das hatte mir noch nie jemand gesagt. ´Du gehst doch in die 7a, oder? Das war wieder Bill. ´Ja´ ´Ich bin in der c) un Tom is in der b).´

´Wir wurden getrennt, weil wir zusammen zuviel Mist gebaut haben´, erzählte Tom. Sie plapperten noch den ganzen Rest des Weges auf mich ein. Ich hörte interessiert zu, da es ja sonst nie passierte, dass sich jemand mit mir unterhielt.

Als wir an der Schule ankamen, dachte ich, sie würden jetzt gehen und das war es gewesen. Aber die zwei hatten anscheinend andere Pläne. ´Hast du heute Nachmittag Zeit?´, fragte Tom und Bill nickte eifrig. ´Genau, wir haben heute Bandprobe, da kannste ma zuhören.´ Von ihrer Band ´Devilish´, hatten sie mir gerade eben erzählt. Sie hatten sie vor zwei Jahren zusammen mit zwei Freunden gergründet. ´Ähm, ich weiß nicht´, stotterte ich. Darauf war ich nicht gefasst gewesen, jemand wollte sich mit mir treffen! ´Klar kommst du. Bitte!´ Bill schaute mich mit großen Kulleraugen an und ich willigte ein. Die zwei wollten mich um halb drei bei mir abholen.

Als es klingelte, verabschiedete ich mich von den Zwillingen und machte mich auf den Weg in die Klasse. Ich konnte es nicht fassen, ich hatte eine Verabredung! Und das erste mal betrat ich die Klasse mit einem Lächeln auf den Lippen.

In diesem Moment war ich den ersten Schritt aus dem Schatten meines bisherigen Lebens getreten.

3.

Als ich mich auf meinen Platz setzte, ging das Getuschel los. Was war denn jetzt schon wieder? Ich hatte doch gar nichts gemacht. Naja, mir war es egal, ich hatte viel zu gute Laune, außerdem regte ich mich über solche Kleinigkeiten schon lange nicht mehr auf. ´Na, wie isses denn mit den beiden?´ Jan, ein dämlicher Typ, der mich sonst mit dem Arsch nicht anguckte, grinste mich blöd an. Worauf wollte der hinaus? Ich zog nur eine Augenbraue hoch und kramte dann in meiner Umhängetasche nach den Sachen für die erste Stunde. ´Hätte ich mir aber eigentlich denken können. Die und diese bekloppten Zwillinge passen doch super zusammen. Idioten unter sich´ Gelächter allerseits. Ich blickte zu Jenny, eine Zicke, die ich noch weniger leiden konnte als alle anderen. Sie hackte besonders gerne auf mir herum.

´Tja, ich nehme das jetzt mal zur Kenntnis und ignoriere es gekonnt.´ Ich hatte tatsächlich etwas gesagt. Normalerweise senkte ich in solchen Situationen den Kopf uns schwieg, aber heute hatte ich genug Mut mal etwas gegen diese Person zu sagen, jetzt war ich richtig in Fahrt!´Besser Idiotin, als so oberflächlich zu sein, wie du.´ Und mit diesen Worten wendete ich mich meinem Biobuch zu. Ich las scheinbar konzentriert einen öden Sachtext über das Nervensystem, aber insgeheim beobachtete ich Jenny aus dem Augenwinkel, wie sie kochte vor Wut.´Du du, dumme Bitch, von dir muss ich mir gar nichts anhören. Ich bin nicht oberflächlich, du bist oberflächlich und überhaupt...´Blablabla, sie schimpfte weiter auf Grundschulniveau und ich lachte leise in mich hinein.Jetzt wusste ich ja, wie man sie zur Weißglut bringen konnte. Irgendwann klingelte es und Herr Hauser, unser Biolehrer, bat sie, sich doch auf ihren Platz zu setzten. Sie sagte nichts mehr, aber dafür warf sie mir in den nächsten beiden Stunden ständig böse Blicke zu.Wenn Blicke töten könnten...Ich wär schon dreimal gestorben. Aber das machte mir nichts. Ich freute mich auf das Treffen mit den Zwillingen. Endlich mal eine Abwechslung in meinem sonst so trostlosen Leben.Jetzt klingelte es zur Pause. Ich hasste die Pausen, immer stand ich allein in irgendeiner Ecke und beobachtete die anderen, die fröhlich quatschten.

So wollte ich mich auch heute wieder in meine Ecke verziehen, doch als ich aus der Klasse trat, wurde ich plötzlich zur Seite gezogen. Ich erschrak und blickte in die belustigten Augen von Tom. ´Heyho, was du kannst, kann ich schon lange´, er grinste. ´Hallo. Naja, weggezogen hab ich dich nicht´ ´Das is für Tom kein Unterschied, bei dem gilt eigentlich alles als Anmache.´ Bill lachte und wie auch vorhin schon bekam er dafür einen Stoß in die Seite.´Ich hab dir doch gesagt, du sollst net immer so schrecklich witzig sein´, schmollte Tom und diesmal musste ich lachen. Ja, ich lachte, kein unsicheres Lächeln. Ein richtiges Lachen!´Hey, das kannst du ja auch, ich dachte immer, du kannst nur traurig gucken´ Bill lächelte mich an. ´Na so lang kennt ihr mich ja noch nicht´, versuchte ich mich rauszureden. ´Schon, aber wir haben dich schon ne ganze Weile beobachtet. Bill ist aufgefallen, wie allein du immer bist und da mussten wir dich doch mal kennenlernen.´´Ich hab mir ehrlich gesagt ein bisschen Sorgen um dich gemacht´, jetzt schaute er beschämt zu Boden und Tom lachte. ´Ja ja, der Bil hat ne soziale Ader. Aber ich auch, sonst wären wir heute Morgen wohl nicht zusammen gestoßen...´ Was sollte das denn jetzt heißen? ´Hast du etwa nachgeholfen?´ ´Ähm, neeein, ich doch nicht...´, schelmisch grinste Tom mich an. So war das also, er war extra in mich reingelaufen.´Weißt du, uns is halt einfach aufgefallen, dass du immer alleine bist und da wir auch immer nur belächelt werden, ham wir uns gedacht, quatschen wir die doch ma an.´´Oder eher, rennen wir doch ma in sie rein und schieben ihrs dann in die Schuhe!´, ich tat gespielt böse, aber dann lächelte ich. Die zwei waren irgendwie süß.´Magst du uns jetzt trotzdem noch?´, fragte Bill. ´Klar doch´ ´Gut, dann lass uns in die Pause gehen!´ Und schon hatten sie sich wieder links und rechts von mir eingehakt uns zogen mich auf den Schulhof.

Wir quatschten die ganze Pause durch, es war wirklich lustig mit den beiden. Ein paar Leute riefen uns zwar dumme Sprüche zu, aber das war den Zwillingen relativ schnuppe und somit störte es auch mich nicht. Es war das erste Mal, dass ich mich so richtig gut mit jemandem verstand. Und es war das erste Mal seit langer Zeit, dass mich jemand zum Lachen brachte.Doch bald war auch diese Pause zuende und die Jungs brachten mich noch zu meiner Klasse.Wieder tuschelten die anderen, aber laut hätten sie nichts mehr gesagt. Meine Reaktion vorhin hatte sie wohl etwas verwundert. Natürlich, sonst hatte ich ja nie etwas gesagt.

4.

Die nächste Pause verlief genauso wie die erste und am Ende des Schultages standen die Zwillinge schon wieder vor meiner Klasse, um mich abhzuholen. Also gingen wir zusammen nach Hause.Auf dem Weg erzählte ich ihnen von der Trennung meiner Eltern und wie es mir ergangen war. Es war ja eine Sache, dass ich so schnell mit ihnen ins Gespräch gekommen war, aber nochmal eine andere, dass ich ihnen schon jetzt so vertraute und ihnen davon erzählte. Denn bis jetzt hatte ich mit niemandem darüber geredet, was ich damals gefühlt hatte. Die Eltern der beiden waren auch geschieden und so verstanden sie mich gut, ihnen war es genauso ergangen.

´Was machst du jetzt, bis heute Nachmittag?´, fragte Bill plötzlich. ´Meine Mutter ist wie immer arbeiten, deshalb werd ich mir was beim Chinesen oder so bestellen un vielleicht Hausaufgaben machen.´´Wenn eh keiner bei dir is, kannste doch eigentlich mit zu uns kommen. Unsre Mutter hat bestimmt nix dagegen.´ ´Genau, komm doch mit, das is doch viel interessanter als allein zu hause zu hocken´, mischte sich jetzt auch Tom ein. ´Seit ihr sicher, dass sie nix dagegen hat?´ ´Ganz sicher. Also, was is?´ ´Na gut, gerne.´ Ich lächelte erst zu Bill und dann zu Tom, denn sie waren ja immer noch bei mir untergehakt.Also bog ich nicht rechts ab, was ich eigentlich hätte machen müssen, sondern ging mit den Zwillingen nach links zur Bushaltestelle. Sie wohnten außerhalb von Magdeburg, in Loitsche. Loitsche war ein kleines Dorf, ich war einmal da gewesen, weil wir uns dort vor zwei Jahren eine Wohnung angeschaut hatten. Aber dann hatten wir uns doch für die in Magdeburg entschieden, weil sie einfach zentraler lag.

Während der Busfahrt alberten die Zwillinge wieder herum, woraufhin sämtliche anderen Schüler, die auch im Bus saßen, die Augen verdrehten. Die zwei waren wohl wirklich nicht sonderlich beliebt. Aber es schien ihnen egal zu sein, sie hatte sich ja gegenseitig.In Loitsche angekommen mussten wir nur die Straße überqueren und schon waren wir vor dem Haus der Zwillinge. ´Herzlich Willkommen in der Villa Kaulitz´, mit einer einladenden Handbewegung bat Tom mich ins Haus, dessen Tür gerade von seiner Mutter geöffnet wurde, da Bill geklingelt hatte.´Hey ihr drei. Wer bist du denn?´ ´Das is die Dana, die geht in meine Parallelklasse´, plapperte Tom gleich los. ´Das kann se auch selbst erzählen´, meinte Bill nur und ich musste grinsen. ´Was Tom da sagt is schon richtig, ich bin die Dana´, ich lächelte die Mutter der Zwillinge an, sie schien nett zu sein. Trotzdem war ich unsicher, ob es ihr wirklich in den Kram passte, dass ich so unangekündigt mitgekommen war. Aber anscheinend hatte sie nichts dagegen, denn sie sagte: ´Schön, dass du mitgekommen bist. Na dann kommt mal rein.´Wir gingen ins Haus, wobei Tom vorrannte. Er verschwand in einer offene Tür, die wahrscheinlich in die Küche führte. ´Mhm.....was gibts denn?´, hörte ich ihn rufen. ´Oh man Tom, du bist so verfressen´, Bill schüttelte den Kopf und zog mich mit zu seinem Bruder. Es gab Spaghetti. Beim Essen machten die beiden genausoviel Quatsch wie im Bus und mehr als einmal seufzte ihre Mutter. Aber sie sagte nichts, sie war es anscheinend schon gewohnt. Ich grinste vor mich hin und aß zufrieden meine Nudeln. Ich fühlte mich wohl.

Nach dem Essen zogen mich die Zwillinge gleich von meinem Stuhl hoch und stritten sich, wessen Zimmer ich zuerst begutachten würde. Ich musste schmunzeln. Schließlich gab Bill nach und wir gingen erst zu Tom.Wir blieben eine ganze Weile dort und quatschten, bis wir uns schließlich aufrappelten, da Bill mir jetzt unbedingt sein Reich zeigen wollte.Die Jungs hatten zwar beide recht kleine, aber feine Zimmer. Ich fühlte mich gleich wohl. Um halb drei rief uns Simone, da sie uns zur Probe fahren wollte.Im Auto saß ich zwischen den Zwillingen, so das sie wieder von zwei Seiten gleichzeitig auf mich einredeten. Simone betrachtete das Geschehen eine ganze Weile im Rückspiegel, bis sie schließlich schmunzelnd meinte: ´Sag mal Dana, wie hältst du das mit den beiden eigentlich aus?´ ´Naja, es geht so´, grinste ich. ´Was soll das denn heißen?´, fragte Bill gespielt entsetzt und zwickte mich in die Seite. ´Hey, genau das mein ich´ Und schon fingen wir alle an zu lachen, Simone eingeschlossen.Jetzt waren wir bei der alten Fabrikhalle, in welcher der Proberaum der Jungs lag, angekommen. ´So, alles aussteigen. Ich hol euch heute Abend so gegen sieben ab. Bis dann´´Ok, tschüss Mum.´, sagte Bill. ´Tschüss´, rief auch Tom, welcher schon auf halbem Weg zum Proberaum war. ´Auf Wiedersehen Frau Kaulitz´, verabschiedete ich mich und stieg aus.Bill gesellte sich zu mir und wir gingen zusammen rein, während Tom samt seiner Gitarre schon im Gebäude verschwunden war. ´Na der hats aber eilig´, scherzte ich. ´Ja ja, is immer so, wir lieben die Proben´, antwortet Bill ernst. ´Weißt du, ohne die Musik wüsste ich gar nicht, was ich machen sollte.´Das konnte ich nachvollziehen. Die Zwillinge konnten ohne die Musik nicht leben und ich nicht ohne das Schreiben. Das war ja im Prinzip das selbe.

Drinnen angekommen betraten wir einen, sagen wir ziemlich...unordentlichen Raum. Um nicht zu sagen in einen zugemüllten... Ich weiß nicht, wie viele Zettel und Papierfetzen herumlagen und wie viele Pizzakartons. Die Wände waren rot und gelb gestrichen und an der einen stand ein gammeliges Sofa. Es gab auch eine Art kleines Podest, welches ziemlich wackelig aussah. Wenn die Jungs darauf spielten, mussten sie ganz schön mutig sein, ich hätte immer Angst gehabt, dass es einstürzen würde...´Hey Juschtel. Georg, du bist ja schon da! Wie kommt das?´, Bill grinste einem Jungen mit mittellangen, dunkelbraunen Haaren an, der sich auf dem Sofa rumlümmelte.´Tja, ich war heut halt pünktlich, das is doch nix besonderes´ Jetzt stimmten auch Tom und ein kleiner Typ mit Brille in das Gelächter ein. Ich stand nur da und fühlte mich irgendwie unwissend. ´Ähm, Jungs?´ ´Ach ja, das is die Dana. Is ne Freundin von Bill un mir, die hört heute ma zu´, stellte Tom mich vor. ´Hey Dana, ich bin der Georg´, sagte der Typ, der sonst anscheinend immer zu spät kam. ´Un ich bin der Gustav´, stellte sich der Brillenträger vor. Er war ein bisschen pummelig, machte aber einen lustigen Eindruck. Wie auch dieser Georg, war er mir von Anfang an sympathisch. ´Wolln wir anfangen, ich hab jetzt Bock´, meinte Tom plötzlich und da die anderen der selben Meinung waren, begaben sich die vier zu ihren Instrumenten, oder in Bills Fall zu ihrem Mikro. Tom spielte wie gesagt Gitarre, Georg Bass und Gustav nahm hinter dem Schlagzeug Platz.Die Jungs legten los. Ihr erstes Lied gefiel mir sofort.

Schönes Mädchen aus dem All,

wenn du mal Bock hast komm vorbei!

Du existierst nicht, du existierts doch,

aber nur in meinen Träumen,

aber nur in meinen Gedanken...

Nach dem sie geendet hatten, schaute Bill mich fragend an. ´Und, wie hats dir gefallen?´ ´Das war echt gut. Wie heißt das Lied denn?´ ´Schönes Mädchen aus dem All´, antwortet Georg. Das hätte ich mir ja eigentlich denken können. ´Und ihr schreibt alle Songs selbst?´ ´Ja klar, was denkst du denn´, antwortete Tom mit stolzgeschwellter Brust, während Gustav hinter seinen Drums kicherte. Er fand Toms Art scheinbar sehr belustigend. ´Hey, Schnauze dahinten auf den billigen Plätzen´, fuhr Tom ihn auch sofort an und jetzt lachten wieder alle, ich eingeschlossen.

Jetzt spielten die Jungs wieder. Von allen Liedern, die ich hörte, gefiel mir ´Schwerelos´ am besten. Es regte irgendwie zum träumen an. Ich lehnte mich auf dem Sofa zurück und schloss die Augen. Ich öffnete sie wieder, als die Musik plötzlich aufhörte und sich Bill über mich beugte. ´Schläfst du?´ Er schien etwas enttäuscht, er dachte wohl, ich hätte ihre Musik langweilig gefunden, aber im Gegenteil. ´Nee, ich wollte das Lied nur ganz genießen. Ihr macht echt gute Musik!´ Jetzt lächelte er wieder. ´Danke´, meinte Gustav und ließ sich neben mich plumpsen.Jetz kamen wir ins Gespräch. Ich verstand mich wirklich prima mit den Jungs. Gustav und Georg waren total nett und Bill und Tom ja sowieso. Wir quatschten noch eine ganze Weile, bis es plötzlich draußen hupte. ´Huch, das wir Mum sein´, meinte Bill und erhob sich langsam. ´Ist es denn schon so spät?´ Ich hatte die Zeit völlig vergessen, doch mit einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass es sogar schon halb acht war. Bill und Tom verabschiedeten sich von den beiden andern. Ich wollte ihnen auch einfach Tschüss sagen, doch schon kam Georg auf mich zu und umarmte mich zum Abschied. Gustav tat das selbe. Ich weiß nicht warum, aber ich wurde ein bisschen rot, es war ein bisschen ungewohnt für mich. Seit Jahren hatte mich außer meiner Mutter niemand mehr umarmt.Ich lächelte den beiden nochmal zu und folgte dann den Zwillingen, die schon auf dem Weg zum Auto waren.

´Na, wie war die Probe?´, fragte Simone uns, als wir einstiegen. ´Super, die Jungs spielen echt gut´, platze ich sofort raus. Sie lächelte mich an. ´Das freut mich. Und die Jungs bestimmt auch, oder?´, sie grinste ihren Söhnen zu. ´Und wie, die Dana is echt n gutes Publikum´, meinte Bill und lächelte mich an. Dann fuhren wir los. Simone hielt in Magdeburg direkt vor meiner Haustür. ´Tschüss Dana, bis morgen´, verabschiedete sich Bill, der mit ausgestiegen war und umarmte mich. Sein Bruder stand neben ihm und auch er drückte mich zum Abschied kurz an sich. ´Wir treffen uns doch wieder auf dem Schulweg, oder?´, fragte er. ´Klar, ich hol euch bei der Bushaltestelle ab, ok?´ ´Gut, abgemacht.´ Die zwei lächelten mir nochmal zu und setzten sich dann ins Auto. Ich beugte mich zum Wagenfenster und meinte: ´Auf Wiedersehen Frau Kaulitz, dankeschön fürs Fahren.´ ´Bitte, is schon in Ordnung Dana. Du darfst mich übrigens duzen.Ich bin die Simone´ ´Oh, danke, Simone.´ ´Bis dann´, sie lächelte mir nochmal zu und Bill und Tom riefen noch ´Bis Morgen´, als sie losfuhr. Ich beobachtete das Auto noch, bis es um die nächste Kurve verschwunden war. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, und der nächste Schritt aus dem Schatten.

5.

Diese Treffen ist jetzt genau zwei Jahre her. Ihm folgten noch unzählige andere. Die Jungs und ich wurden unzertrennlich, beste Freunde. Jeden Tag ging ich mit Bill und Tom zur Schule, verbrachte die Pausen mit ihnen und den Heimweg legten wir auch gemeinsam zurück. Im 8. Schuljahr wurden die Klassen zusammengelegt, was für mich bedeutete, dass ich mit Bill in eine Klasse kam. Die anderen machten zwar immer nur Witze über uns, aber das war uns so ziemlich schnuppe. Er war mein bester Freund, denn mit ihm fühlte ich mich von allen Menschen am meisten verbunden. Er war auch der Einzige, der meine Geschichten und Gedichte lesen durfte, er war der Einzige, der davon überhaupt wusste.Ihm vertraute ich blind. Den anderen der Band zwar auch, aber uns beide verband nochmal etwas ganz Besonderes. Was es war, wusste ich nicht, aber das war mir auch egal. Hauptsache er war da.Die Nachmittage verbrachte ich natürlich auch mit den Jungs und am Wochenende begleitete ich sie zu ihren Gigs in den kleineren Clubs. Ab und zu übernachtete ich auch bei den Kaulitz´, das war immer besonders lustig. Doch langsam begann sich alles zu verändern.Die Jungs bekamen einen Plattenvertrag und nahmen ein Album auf. Während dieser Zeit sahen wir uns natürlich weniger, aber wir holten alles nach. Außerdem telefonierten wir ständig. Sie waren wirklich die besten Freunde, die man sich vorstellen konnte. Die Aufnahmen wurden noch im selben Jahr, in dem wir uns kennenlernten, gemacht.

Dann wurde ihnen der Vertrag wieder gekündigt. Sie waren natürlich ziemlich enttäuscht, all die Arbeit war umsonst gewesen.Ich tröstete sie und unser Alltag nahm wieder seinen gewohnten Lauf.Doch dann interessierte sich eine andere Plattenfirma für sie und ihre erste Single kam schließlich im August 2005, kurz vor Bills und Toms 16. Geburtstag raus.

Und von da an wurde alles anders.Die Jungs konnten sich keinen Schritt mehr bewegen, ohne an jedem Ärmel zehn kreischende Girlies hängen zu haben. Einerseits freute es sie natürlich, andererseits war es auch ganz schön nervig. Und es war ein riesen Stress, Musik und Schule unter einen Hut zu bringen.Plötzlich interessierten sich sämtliche Leute an unserer Schule für Bill und Tom und dabei waren sie vorher von den meisten mit dem Arsch nicht angeguckt oder nur verspottet worden. Es war merkwürdig, die Jungs mussten jetzt sehr gut entscheiden, wer ihre wahren Freunde waren und wer nicht. Unsere Freundschaft änderte sich nicht, denn bei mir konnten sie sich ja ganz sicher sein, dass ich sie als Menschen mochten und nicht nur als Stars. Irgendwann wurden die Fans vor der Schule zuviel und die Jungs beschlossen, ein Jahr Pause zu machen und sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Das wäre ja an sich nicht schlimm gewesen, aber für mich änderte sich dadurch so einiges. Ich war wieder allein, hatte meine besten Freunde nicht mehr bei mir, da sie ja jetzt ständig unterwegs waren.Ich war doch in den letzten beiden Jahren, die ich mit den Jungs verbracht hatte, immer weiter in die Sonne getreten, doch jetzt holte mich der Schatten wieder ein.Zwar gab es jetzt genug Leute, die mit mir befreundet sein wollten, aber das waren alles nur Heuchler. Die wollten sich durch mich doch nur an Devilish, die sich jetzt ja Tokio Hotel nannten, ranmachen. Und an die wollten sie nur ran, weil sie berühmt waren.Die meisten Menschen sind doch so oberflächlich.Ich wollte mit ihnen nichts zu tun haben und blockte ab. Sie versuchten sich zwar immer bei mir einzuschleimen, aber ich ignorierte sie. Auf so eine Freundschaft konnte ich verzichten. Hinter meinem Rücken wurde jetzt wieder getuschelt. Dieses Mal meinten alle, ich wäre arrogant und würde mich für was Besseres halten, weil ich mit Tokio Hotel befreundet war. Das simmte nicht, sie verdrehten die Tatsachen und das wussten sie doch auch. Nur mussten sie ja irgendwie ihren Frust rauslassen. Langsam aber sicher wurde ich wieder zu der grauen Maus, die ich war, bevor ich die Jungs kennengelernt hatte. Zwar telefonierten wir so oft es ging, aber es ging eben nicht oft. Und ein Telefonat ersetzt kein Treffen. Wenn wir uns mal sahen, war die Freude groß und es war eigentlich wie früher, aber nicht ganz. Irgendetwas stand zwischen uns. Die räumliche Entfernung? Oder entfernten wir uns auch innerlich immer mehr voneinander?

Die Schulglocke klingelte.Heute war der letzte Schultag, das bedeutete, ab jetzt waren Sommerferien angesagt. Früher hatte mir dieses Wort immer bleischwer im Magen gelegen. Sommerferien. Immer hatte ich sie allein in meinem Zimmer verbracht. Keine Abwechsulng, alles trostlos. Da war mir selbst der Schulalltag lieber.Doch diese Einstellung hatte sich geändert, nachdem ich die Jungs kennen gelernt hatte. Es machte tierisch Spaß, die freie Zeit mit ihnen zu verbringen. Aber jetzt fing ich langsam wieder an, die Ferien zu hassen. Ich war ja wieder alleine, die Jungs waren nicht da. Warum also sollte ich mich freuen? Vor mir lagen 6 1/2 Wochen Trostlosigkeit. Missmutig packte ich mein Zeug zusammen und stapfte aus der Klasse. Ich hatte es nicht eilig. Wieso auch, es wartete ja niemand vor der Schule auf mich, der mit mir nach Hause ging. Ein paar Leute riefen mir ein ´Schöne Ferien´ zu, doch ich beachtete sie nicht. Mir war alles egal, sollten die doch denken, was sie wollten. Das waren doch sowieso alles Heuchler. Langsam machte ich mich auf den Heimweg. Die Sonne strahlte vom Himmel, es kam mir so vor, als wäre sie eine kleine Sadistin, die mich auslachen und quälen wollte. Dieses blendende Wetter passte mir gar nicht in den Kram. Ich sehnte den Regen herbei. Strömenden Regen, der die ganze Trostlosigkeit von mir abwusch und meine Probleme wegschwemmte. Doch er blieb aus. Stattdessen grinste mich die Sonne höhnisch an. Na toll.

Zuhause angekommen, schmiss ich erstmal meine Tasche in eine Ecke und setzte mich dann vor die Glotze. Doch es lief nichts Besonderes. Ich hatte das Gefühl, je länger ich hier sitzen würde, desto mehr würde ich verblöden. Deshalb wollte ich gerade den Fernseher ausschalten, doch etwas hielt mich auf. Nämlich Bills Gesicht, dass in die Kamera lächelte. Die Jungs gaben mal wieder ein Interview. Sie erzählten von ihren letzten Auftritten und, dass sie jetzt erstmal eine Ruhepause einlegen würden. Ruhepause? Wollten sie etwa heimkommen? Ich spitzte die Ohren. Doch es wurde nichts Genaueres mehr darüber gesagt. Ich hatte mir also falsche Hoffnungen gemacht. Wütend auf mich selbst schaltete ich den Fernseher aus.

Der Durchbruch der Band mit ´Durch den Monsun´ war in den letzten Sommerferien geschehen. Ich dachte an die Zeit zurück, als die Jungs sich noch nicht vor Fotografen zu verstecken brauchten. Als wir noch Nachmittag für Nachmittag gemeinsam im Proberaum, oder bei einem von uns Zuhause verbracht hatten. Ich war damals glücklich gewesen, richtig glücklich. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich richtige Freunde gehabt. Sie waren zwar noch da, aber ich merkte, dass sich nach und nach eine Mauer zwischen uns hochzog und eine Möglichkeit, sie zu stoppen, war nicht in Sicht. Ich stand auf und ging in mein Zimmer. Ich legte mich auf mein Bett, wollte nachdenken. Ich gönnte den Jungs doch ihren Erfolg, ich freute mich so für sie. Doch andererseits wünschte ich mir die unbedeutende Schülerband zurück, mit der ich jeden Tag lachen konnte. War ich egoistisch? Ich stand auf und holte meinen Block, ich musste jetzt aufschreiben, was mir durch den Kopf ging.

Wir kennen uns

Wir wissen alles voneinander

Und doch sind wir uns fremd

Früher war das nicht so

doch die Mauer zwischen uns wächst und wächst

und niemand wird sie stoppen

Ich schreie und weine

Doch niemand hört mich

denn die Mauer verschluckt diese Schreie

verschluckt das Weinen

Ich bin allein

Allein ohne dich

und mit jedem Tag

den ich allein bleibe

stirbt ein Teil von mir

Und irgendwann

bin ich ganz verschwunden

ohne das du es merkst

weil die Mauer dir längst die Sicht genommen hat

Ich las mir das Geschriebene nochmal durch und bemerkte, dass es eigentlich nur an eine Person gerichtet war. Ich hatte die ganze Zeit an Bill gedacht, denn dass er nicht da war, war mein größter Kummer. Ich hatte Angst, dass er mich irgendwann vergessen würde und ich wieder ganz allein dastand. Sie war unerträglich, die Angst, dass die Mauer zwischen uns irgendwann unüberwindbar sein würde. Irgendwann fiel ich in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

Plötzlich wurde ich durch ein Klingeln geweckt. Ich schreckte auf und lauschte. Was war das? Es klingelte erneut und ich merkte, dass es mein Handy war. Mein Handy? Das konnte nur Gutes heißen, denn außer den Jungs und meiner Mutter hatte keiner meine Nummer. Und wenn meine Mutter etwas von mir gewollt hätte, hätte sie sicher auf dem Haustelefon angerufen.Also sprang ich aus dem Bett und kramte das Handy aus meiner Tasche, die ich vorhin ja achtlos in die Ecke geworfen hatte.Ich schaute auf den Display und erkannte, dass es Bill war! Schnell hob ich ab.

I: ´Hey Billy´

B: ´Na Kleines, wie gehts dir?´

I: ´Naja, ganz gut´

Das war gelogen, aber ich wollte ihn jetzt nicht mit meinen Problemen nerven. Früher hätte ich es ihm bestimmt erzählt, aber in letzter Zeit...

B: ´Du hörst dich aber nicht so glücklich an´

Kannte er mich wirklich so gut? Ich musste lächeln.

I: ´Gut, ich gebs zu. So gut gehts mir nicht, ich vermiss euch.´

B: ´Tust du das? Tja, dann hab ich jetzt ne gute Neuigkeit für dich!´

I: ´Die wäre?´

B: ´Ich ruf grad von zuhause aus an. Das heißt, in ner halben Stunde kommen wir vorbei, bis dann.´

Ich wollte noch etwas sagen, aber da hatte er schon aufgelegt. Sie kamen wirklich vorbei? Ich freute mich wie ein Schneekönig. Doch andererseits hatte ich auch Angst, Angst, dass wir uns noch mehr verfremdet hatten. Aber er hatte gerade eben genau rausgehört, dass es mir schlecht ging, das war doch schonmal ein gutes Zeichen. Ich legte mich wieder auf mei Bett und grübelte. Doch irgendwann kam ich zu dem Entschluss, dass ich das Treffen jetzt vielleicht einfach genießen sollte, ohne mir groß Gedanken zu machen. Trotzdem ging ich mit gemischten Gefühlen zur Tür, als es klingelte.

´Heeey, Süße´ Tom viel mir sofort um den Hals und drückte mich halb tot. Danach kamen auch Gustav und Georg.Am Schluss stand nurnoch Bill da, der Einzige der vier, der wusste, dass es mir nicht so gut ging, wie ich tat. Unsicher schaute er mich an. ´Na Kleines´Jetzt umarmte auch er mich. Aber er tat es länger als die anderen und ich wusste nicht warum, aber mir stiegen Tränen in die Augen. ´Ich hab dich auch vermisst´, flüsterte er mir ins Ohr, während er mir immer wieder über den Rücken strich.

Nach einer Weile lösten wir uns wieder voneinander und er lächelte mich an. Er nahm mich bei der Hand und zog mich ins Wohnzimmer, wo wir schon die anderen hörten. Sie hatten sich auf die Couch geschmissen und schauten fern. Typisch. Ich musste grinsen. Bill bemerkte es. ´Hey, mein Kleines kann ja auch fröhlich gucken´ Ja, das konnte ich auch, ich freute mich so, dass die Jungs da waren. Bill und ich setzten und dazu und es wurde ein lustiger Nachmittag. Wir quatschten und lachten die ganze Zeit, es war fast wie früher. Aber nur fast, ich hatte immer noch das Gefühl, dass etwas zwischen uns stand, vor allem zwischen Bill und mir. Das machte mich nachdenklich, aber ich wollte es mir nicht anmerken lassen.

Am Abend meinte Tom pötzlich: ´Ich hab jetzt Lust auf Party, wer macht alles mit?´ ´Wie meinste das?´, fragte ich. ´Na, lass uns was Trinken gehen.´ ´Ok, bin dabei´, rief Georg sofort und auch Gustav stimmte zu. Nur Bill zögerte etwas. ´Ach Leute, ich hab irgendwie net so ne Lust heute, ich war so viel unterwegs in letzter Zeit. Ich glaub ich komm nicht mit.´ ´Ja, ich hab auch keine all zu große Lust´, meinte ich. ´Och kommt schon, ihr trüben Tassen.´ ´Morgen, ok?´, versuchte ich einen Kompromiss zu finden. ´Na gut, dann macht euch halt n schönen Abend daheim, ihr Langweiler´, rief Georg und schon standen Tom und er auf und gingen. Nur Gustav war noch etwas unschlüssig. ´Wollt ihr wirklich nicht mit?´ ´Nee, lass ma. Morgen, aber heute is chillen angesagt.´, meinte Bill und so verließ Gustav mit einem Schulterzucken das Wohnzimmer. ´Na gut, bis später´, rief er nur noch und weg war er. ´Und was machen wir zwei Hübschen jetzt?´, fragte Bill. ´Keine Ahnung.´ ´Ich hab n paar Probeaufnahmen von unserm neuen Album dabei, wolln wir ma reinhören?´ ´Klar, gerne! Aber dann gehen wir lieber in mein Zimmer, is gemütlicher.´ Sofort sprang Bill auf und zog mich hoch.

In meinem Zimmer angekommen, legte er die CD in die Anlage und schmiss sich auf mein Bett. Er fühlte sich hier schon fast wie zuhause. Ich musste schmunzeln und legte mich zu ihm aufs Bett. Er lag auf dem Rücken und ich kuschelte mich an ihn. Ich schloss die Augen und lauschte der Musik. Mir gefiel, was ich hörte. Die Jungs wurden immer besser. Nach einer Weile hörte ich ein Rascheln neben mir, doch ich dachte mir nichts dabei, bis ich Bill seufzen hörte. Ich schlug die Augen auf und mir stockte der Atem. Bill hielt den beschriebenen Zettel von heute Mittag in der Hand. Jetzt schaute er zu mir. Ich hatte noch einen winzigen Funken Hoffnung, dass er es als Kritzelei abtun würde, aber ich wusste, dass das Unsinn war. Dafür kannte er mich gut genug. ´Dana, sind wir, oder eher bin ich damit gemeint?´ Er sah traurig aus. Ich blieb stumm, aber er konnte die Antwort sowieso von meinen Augen ablesen. Plötzlich richtete er sich auf und nahm mich in den Arm. Und langsam aber sicher bahnte sich die erste Träne ihren Weg über meine Wange. Beruhigend strich er mir über den Rücken. Wir brauchten jetzt nicht zu reden, in diesem Moment wusste sowieso jeder, was der andere dachte. Und ich hatte das Gefühl, dass die Mauer in diesem Moment langsam Risse bekam.

6.

Ich weiß nicht, wie lange wir so dagesessen hatten. Ich dachte an nichts mehr, ich weinte einfach nur und weinte. Und mit jeder Träne wurde mein Herz leichter. Wie lange hatte ich das alles unterdrückt. Sonst hatte das mit dem Unterdrücken immer geklappt, bei allen meinen Problemen, aber dieses mal waren sie mir wohl wirklich über den Kopf gewachsen. Bill strich mir immer noch über den Rücken und wiegte mich sanft hin und her. Ich kam mir vor wie ein Baby, aber diese Geborgenheit brauchte ich jetzt. Aber nur von Bill, jemand anderes hätte ich nie so nah an mich rangelassen.

Irgendwann war auch die letzte Träne geweint und ich schniefte nur nochmal kurz. Langsam hob ich den Kopf und schaute Bill mit meinem verheulten Gesicht an. Erst jetzt bemerkte ich, dass auch er ein paar Tränen vergossen hatte. Warum das denn? Tat ich ihm so leid, oder hatte er das Problem selbst gehabt? Hey, mein Kleines. Willst du reden?, vorsichtig strich er mir eine Strähne aus dem Gesicht. Ich nickte nur stumm. Er legte einen Arm um mich und ich lehnte mich an seine Schulter. Weißt du, seit ihr berühmt seit, ist alles anders. Ich bin wieder allein. Die anderen kommen jetzt zwar zu mir, aber nur, weil sie sich durch mich an euch ranmachen wollen. Ich werde langsam wieder zu der grauen Maus, die ich war, bevor ich euch kennengelernt habe und davor habe ich Angst. Andererseits fühle ich mich so egoistisch, weil ich mich doch eigentlich für euren Erfolg freue, aber..., wieder rollte mir eine Träne über die Wange. Is ja gut. Das is doch nich schlimm. Ich verstehe dich, mir würde es genauso gehen. Und bei mir ist es ähnlich, zwar freue ich mich tierisch über den Erfolg, aber manchmal würde ich den ganze Fans und Produzenten und was weiß ich für Leuten einfach mal die Zunge rausstrecken und in mein altes Leben zurückkehren.Wirklich? Du bist mir nicht böse? Nein, dir könnte ich niemals böse sein. Ich hob den Kopf ein Stückchen hoch und wir lächelten uns an. Das war aber noch nicht ganz alles, oder?, Bill schaute mich prüfend an. Er kannte mich zu gut, als das ich ihm etwas vormachen konnte.

Wieder senkte ich den Kopf. Einige Sekunden war es ganz still, man hörte nur das Ticken der Uhr, doch dann setzte ich unsicher zum Reden an. Ich freue mich immer riesig, wenn wir uns treffen, aber in letzter Zeit, da hatte ich das Gefühl, dass... Ich stockte. Konnte ich ihm das überhaupt sagen, ohne ihn zu verletzen?Bill strich mir wieder behutsam über den Rücken. Er ließ mir Zeit, wollte mich nicht drängen zu antworten. Das war es, was ich so an ihm schätzte. Ich hatte das Gefühl, dass irgendetwas zwischen uns steht. Eine Mauer. Und ich habe Angst, dass sie uns irgendwann die Sicht versperrt, wenn wir nicht den Grund für ihr Dasein finden. Ich kenne das Gefühl. Ich glaube, ich hab diese Mauer gebaut. Ich war immer ein bisschen abweisend zu dir, in der letzten Zeit. Nicht sehr viel, aber du scheinst es gemerkt zu haben. Ich wollte dich nie verletzen, aber ich hatte meine Gründe. Ich war verunsichert. Bill war daran schuld, dass wir uns so verfremdet hatten. Das verstand ich nicht. Sag mir doch bitte den Grund. Hab ich was Falsches gemacht, oder gesagt? Es tut mir leid, das wollte ich nicht! Nein, das war nicht der Grund, ich wollte dich einfach nicht als Freundin verlieren. Aber wieso? Ich hatte mich wieder aufgerichtet und schaute ihm genau in die Augen. Sie sahen traurig aus. Aber nicht nur das, ich entdeckte auch ein wenig Angst. Angst? Wovor? Vor mir? Dana, ich...ich hab mich in dich verliebt.

7.

Ich war völlig perplex. Er hatte sich in mich verliebt? Mein bester Freund Bill liebte mich? Verwirrung machte sich breit. Wie sollte ich damit umgehen? Ich wollte schließlich nicht seine Gefühle verletzten. Doch andererseits...war es mir überhaupt so unangenehm? Wenn ich genauer darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich ihn ja schon immer ein bisschen mehr gemocht hatte, als die anderen drei. Doch war es gleich Liebe? Ich wusste es nicht. Bill, ich..., ich stockte. Was sollte ich jetzt sagen? Erwartungsvoll sah er mich an, aber auch ängstlich. Er hatte wohl Angst, dass ich gleich etwas Abweisendes sagen würde. Doch seine Angst war unbegründet. Denn im Moment wusste ich ehrlich gesagt gar nicht, was ich sagen sollte. Ich schaute ihn nur an und fing schließlich vorsichtig an: Ich...ich weiß nicht was ich dazu sagen soll, nicht dass ich dich nicht mögen würde, aber... Is schon gut, ich hab verstanden. Vergiss es einfach, ok? Ich bin dann mal weg, bin müde von dem ganzen Stress der letzten Wochen. Und mit diesen Worten stand er auf. Sein Gesicht war wie versteinert. Er sprach emotionslos. Doch ich wusste, dass er schrecklich verletzt war. Das wollte ich nicht Bill, lass uns drüber reden, ich mein... Doch er unterbrach mich. Nein. Ich geh jetzt lieber, bis dann.

Damit ging er aus dem Zimmer und schloss die Tür leise hinter sich. Die übliche Umarmung zum Abschied hatte er ausgelassen. Er war gegangen, einfach so, ohne mich noch einmal anzusehen. Alles in mir drin schrie danach, ihm hinterherzulaufen. Doch ich konnte nicht. Ich saß wie erstarrt auf meinem Bett und dachte nach. Was war da gerade eben passiert? War unsere Freundschaft jetzt zerstört? Für immer kaputt, wegen diesen paar Minuten? Seit wann er wohl in mich verliebt war. Ich wusste es nicht. Und noch viel weniger wusste ich, was ich fühlte. Liebte ich ihn auch? Ja, ich tat es, aber war es vielleicht nur die Liebe, die man halt für seinen besten Freund empfindet, oder mehr? Wieder ein Rätsel. Langsam rann mir eine Träne über die Wange. Ärgerlich wischte ich sie weg. Sonst weinte ich nie, schluckte immer alles runter und tat so, als sei nichts. Und heute heulte ich schon das zweite Mal. Das war ja nicht mehr normal. Oder doch? Menschen haben Gefühle und die sind nunmal nicht immer fröhlich. Jeder weinte mal, warum also nicht auch ich? Wem wollte ich mit meiner Stärke etwas beweisen, mir selbst? Und war es überhaupt Stärke, immer alles in sich hineinzufressen? Je länger ich darüber nachdachte, desto bewusster wurde mir, dass es sogar ziemlich feige war. Statt mich mit meinen Problemen auseinanderzusetzten, verdrängte ich sie. Und eines Tages würde ich es nicht mehr schaffen, dann würde alles aus mir herausbrechen. In diesem Moment stellte ich fest, dass heute dieser Tag war. Heute war alles aus mir herausgebrochen, ich hatte das erste mal wirklich über meine Probleme geredet. Früher hatte ich Bill manchmal meine Gedichte gezeigt, dann hatte er schon gewusst, was ich meinte. Aber direkt geredet hatten wir nie. Er wusste, wie schwer mir das fiel. Und trotzdem hatte er es heute geschafft, mich zum Reden zu bringen. Und schlagartig wurde mir klar, warum er das geschafft hatte. Weil ich ihm blind vertraute. Und weil ich ihn liebte.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch so herumgelegen hatte, doch schließlich war ich eingeschlafen. Es war ein unruhiger und keinesfalls erholsamer Schlaf. Ich träumte von Bill. Wir waren auf einem großen, leeren Platz. Zwischen uns war eine Mauer. Er lächelte zu mir rüber und fing an, diese Mauer abzubauen, Stein für Stein. Doch für jeden Stein, den er mühevoll wegschaffte, setzte ich einen neuen auf die Mauer. Nur fiel es mir viel leichter, die Mauer zu erhöhen, als es ihm fiel, sie wieder abzubauen. Und so wurde sie langsam aber sicher, trotz seinen Bemühungen immer höher. Eigentlich wollte ich das nicht, innerlich schrie ich, doch ich hatte keine Kontrolle über das, was ich tat. Und so setzte ich Stein für Stein zwischen Bill und mich, während er verbissen weiter dagegen ankämpfte. Schließlich sah ich nur noch seine obere Gesichtshälfte, der Rest seines Körpers wurde von der Mauer verdeckt. Traurig schauten mich seine Augen an. Unendlich traurig. Warum tust du das? Lass mich nicht allein!, schienen sie zu sagen. Ich schaute zurück, wollte schreien, wollte zu ihm, doch es ging nicht. Stattdessen baute ich weiter und weiter, bis er schließlich ganz hinter der Mauer verschwunden war. Hilfe. Plötzlich ging mir nurnoch dieses Wort durch den Kopf. Hilfe. Und dann wachte ich auf.

8.

Ich war schweißgebadet. Der Traum hatte mich echt mitgenommen. Wollte ich das? Wollte ich wirklich tatenlos zusehen, wie die Mauer dank mir immer höher wurde? Nein, das wollte ich nicht! Aber wie konnte ich das Ganze stoppen? Ich schaute auf die Uhr, 22.30. Ich lag noch eine ganze Weile auf meinem Bett herum und grübelte. Mir ging ein Lied durch den Kopf:

Es ist vorbei

Nichts hier ist für immer
Auch wenn es so scheint

Plötzlich wachst du auf
Und bist allein
Die Straßen sind noch grau

Es ist wie jedes Jahr
Die Uhr sie bleibt nicht stehen

Du bist allein

Eben noch
Warst du ein Teil der schönen Welt

Der Unendlichkeit
Gerade noch
Warst du ein Stück der Ewigkeit

Schon Vergangenheit
Es ist vorbei
Es ist vorbei
Es ist vorbei


Wieder stehst du auf
Und schaust zum Fenster raus
Alles ist noch so wies früher war
Der Tag lacht viel zu laut
Und will in dein Gesicht
Du ziehst den Vorhang zu
Und du bleibst da

So war es doch. Grade noch war Bill für mich so unersetzlich gewesen. Ein wunderbarer Freund. Und jetzt bereitete mir der Gedanke an ihn nur noch Schmerzen. Warum hatte es so kommen müssen? Ich liebte ihn doch. Und ich beschloss, dass ich etwas tun musste, jetzt sofort. Mittlerweile war es bereits halb zwölf. Ich stand auf und ging in den Flur. Dort zog ich mir die Schuhe an und plötzlich wusste ich, dass etwas passiert war. Obwohl es ziemlich kalt war rannte ich ohne Jacke und wie von der Tarantel gestochen zur Bushaltestelle.

Ich musste nur kurz warten und schon kam der Bus, der mich nach Loitsche bringen würde. Während der ganzen Fahrt dachte ich an Bill. Was war los? Warum hatte ich auf einmal solche Panik? Jetzt fiel mir mein Traum wieder ein, vor allem das Ende. Hilfe. Nur dieses eine Wort hallte durch meinen Kopf. Es machte mir Angst. Als der Bus nach scheinbar endlos langer Zeit hielt, sprang ich auf und spurtete zum Haus der Kaulitz. Doch vor der Haustür stoppte ich kurz. Sollte ich wirklich um diese Zeit klingeln? Wollte Bill überhaupt noch mit mir reden? Immerhin hatte er vorhin abgeblockt. Etwas verunsichert drückte ich schließlich auf den Klingelknopf. Schneller als erwartet wurde mir geöffnet. Es war Simone. Mit verheultem Gesicht schaute sie mich an. ´Bill liegt im Krankenhaus!´

9.

Nein. Das konnte und durfte nicht sein. ´Was ist passiert?´, panisch schaute ich Simone an und hoffte, dass es sich hierbei nur um einen geschmacklosen Scherz handelte. Aber meine Hoffnung wurde enttäuscht. ´Komm erstmal rein´ Sie drehte sich um und ich folgte ihr ins Haus.´Weißt du wo Tom ist?´ ´Nicht genau, er wollte mit den andern Jungs feiern gehen.´´Aber du weißt nicht wo?´ ´Nein. Aber was ist denn jetzt mit Bill?´, ich war schon ziemlich verzweifelt. Ich wollte jetzt endlich wissen, was mit ihm los war, in diesem Moment war mir doch egal, wo Tom war. ´Er hatte einen Unfall, er...´ Simone brach ab und erneut rannen Tränen über ihr Gesicht. Sie tat mir schrecklich leid, wie sie da wie ein Häufchen Elend im Flur stand und heulte. Ich nahm sie in den Arm und auch mir rann eine Träne über die Wange. Was war mit Bill passiert?

Sie löste sich wieder aus meiner Umarmung und fuhr stockend fort: ´Er wollte die Straße überqueren, aber anscheinend hatte er mal wieder andere Dinge im Kopf und ist in ein Auto reingerannt. Sämtliche Knochen sind gebrochen und im Moment, er...er liegt im Koma. Dana, ich...ich hab solche Angst, dass er nicht mehr aufwacht!´ Wieder nahm ich sie in den Arm, aber dieses Mal heulte ich wie ein Schlosshund. Das konnte doch nicht sein! Warum? Warum hatte er nicht besser aufgepasst?

Schlagartig wurde mir klar, dass er aufgewühlt gewesen war, weil ich ihn verletzt hatte. Deshalb hatte er nicht auf das Auto geachtet. Oder war er vielleicht sogar absichtlich auf die Straße gerannt? Ich war schuld an seinem Unfall! Ich ganz allein. Und diese Feststellung ließ meine Tränen versiegen. Wie konnte ich hier rumheulen, ich war doch schuld. Ich hatte ihn auf dem Gewissen. Ich hatte nicht das Recht dazu, jetzt zu trauern. Stattdessen tröstete ich Simone. ´Wo ist Gordon?´ ´Er ist bei ihm. Ich konnte es nicht ertragen, Bill so zu sehen. Außerdem muss ja einer Tom Bescheid sagen, wenn er heim kommt. Weder er, noch die anderen Jungs haben auf meine SMS und Anrufe reagiert.´Tom wusste noch gar nichts davon? Plötzlich fiel mir etwas ein. ´Um wieviel Uhr ist das denn passiert?´ ´Der Unfallfahrer hat bei der Polizei angegeben, dass es so gegen 22.30 Uhr war. Wieso?´ ´Ach nichts.´

22.30 Uhr. Genau dann war ich aufgewacht, von diesem merkwürdigen Hilferuf. Ich hatte gespürt, dass es ihm schlecht ging. Er hatte nach mir gerufen und ich war nicht gekommen. Das würde ich niemals wieder gutmachen können, aber ich könnte es wenigstens versuchen. ´Kann...kann ich zu ihm?´

Ich konnte. Simone gab mir die Adresse des Krankenhauses und ich machte mich schnell auf den Weg zur Bushaltestelle. Auf der Fahrt konnte ich wieder nur an Bill denken. Warum er? Warum gerade jetzt? Jetzt wo ich mir wirklich sicher war, dass ich mehr als nur Freundschaft für ihn empfand. Jetzt wo alles hätte gut werden können. Warum hatte ich ihn nur so verletzten müssen. Warum war mir keine bessere Antwort eingefallen?Warum, warum, warum. Fragen über Fragen und Antworten waren nicht in Sicht. Als der Bus hielt stieg ich schnell aus und machte mich auf den Weg zum Krankenhaus. Es war nicht weit, aber mir schien der Weg endlos. Ich wollte endlich zu ihm. Am Empfang wurde ich von der Schwester ziemlich gemustert. ´Du bist keine Familienangehörige? Dann darfst du auch nicht zu ihm!´ ´Aber bitte, er ist mein bester Freund. Ich muss ihn sehen!´ ´Tut mir leid, ich darf dich nicht zu ihm lassen und ich darf dir auch keine Auskunft geben.´Ich war den Tränen nahe, doch in diesem Moment sah ich Gordon, wie er aus einer Tür trat. Seine Augen waren verdächtig gerötet und er blickte ziemlich teilnahmslos in die Gegend. ´Gordon´ Er schaute auf. ´Dana. Bill, er...er ´ ´Simone hat es mir schon erzählt. Ich will zu ihm, aber sie lassen mich nicht.´ ´Warte mal kurz.´Er ging zu besagter Schwester und redete auf sie ein. Kurze Zeit später kam er zu mir zurück und meinte, dass ich jetzt zu ihm dürfe. ´Kommst du mit rein?´ ´Nein, ich brauch mal kurz etwas Abstand´, meinte Gordon. ´Ich warte hier´ Er setzte sich auf einen Stuhl im Wartebereich. ´Ist ok. Dankeschön´ Er nickte nur kurz und schaute gar nicht auf. Mit klopfendem Herzen machte ich mich auf den Weg zu Bills Zimmer. Eigentlich war es mir ganz recht, dass Gordon nicht mit kam. Ich musste jetzt mit Bill alleine sein, auch wenn er mich sowieso nicht bemerken würde. 203, 204, 205...206. Das war die Tür, hinter der sich Bill befand. Ich holte nochmal tief Luft und öffnete sie vorsichtig. Ich hatte einen Kittel anziehen müssen, da er auf der Intensivstation lag. Ich betrat den Raum. Alles roch nach Desinfektionsmitteln und das kahle Weiß der Wände ließ mich frieren. Eine Menge Geräte, deren genaue Funktion ich nicht kannte befanden sich dort. Alle um ein weißes Bett. Mit weißen Laken. Und mittendrin der weiße Bill.

Er wirkte so fremd. Seine schwarzen Haare bildeten einen krassen Kontrast zu dem Weiß seiner Haut. Er hatte einige Kratzer im Gesicht und seine Lippe war aufgeplatzt. Er hatte die Augen geschlossen und sein Atem ging nur ziemlich schwach. Er wirkte wie eine Puppe, so zerbrechlich. Was genau alles gebrochen war, wusste ich nicht. Langsam trat ich näher an sein Bett ran, immer bedacht, ja nicht auf eines der vielen Kabel zu treten.´Bill´, sagte ich leise. Doch seine Augen blieben geschlossen. Natürlich. Wie sollte er mir auch antworten, wenn er im Koma lag. Aber einen winzigen Funken Hoffnung hatte ich vielleicht doch noch gehabt. Auch wenn ich wusste, dass er mich nicht hörte, sprach ich weiter. ´Es tut mir leid. Es tut mir so schrecklich leid Bill, das wollte ich nicht.´ Sanft strich ich ihm über seine blasse Wange. Er rührte sich nicht. ´Du musst wieder aufwachen!´ Ein Träne der Verzweiflung rann über meine Wange und tropfte schließlich auf sein Gesicht. Vorsichtig küsste ich seine Lippen. Wieder keine Reaktion. ´Bill, bitte wach auf, ich liebe dich doch!´

In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und eine Schwester kam rein. ´Sie müssen jetzt leider gehen. Der Patient muss sich erholen. Außerdem ist jetzt noch jemand hier, der ihn sehen möchte.´ Tom betrat den Raum und als er mich sah, fiel er mir erstmal in die Arme. ´Dana, ich bin nach Hause gekommen und Mum hat mit erzählt was passiert ist und...´ Er schluchzte und ich strich ihm über den Rücken, während ich versuchte, meine eigenen Tränen zu unterdrücken. Nach einer Weile löste er sich aus meiner Umarmung und trat an das Bett seines Bruders. Vorsichtig nahm er seine Hand und redete leise auf ihn ein. Ich verstand nur etwas von ´Bitte wach doch auf´. ´Lassen wir ihn jetzt mit ihm allein. Kommen sie´ Die Schwester winkte mich zu sich. Tonlos folgte ich ihr, doch nicht bevor ich noch einen letzten Blick zu Tom geworfen hatte, wie er verzweifelt auf Bill einredete.
10.

Bills Unfall war jetzt genau zwei Wochen her. Noch immer lag Bill im Koma und es gab auch keinerlei Anzeichen dafür, wann er wieder aufwachen würde. Das alles machte mich total fertig. Vor allem weil mich die Schuldgefühle plagten. Wie hatte ich nur so abweisend sein können? Andererseits war meine Reaktion ganz normal gewesen, aber ich fühlte mich trotzdem mies und für Bills Unfall verantwortlich.

Jeden Tag ging ich ins Krankenhaus und besuchte ihn. Und wenn ich nicht da war, kamen seine Eltern oder die Jungs. Vor allem Tom saß ständig bei seinem Bruder, hielt seine Hand und redete mit ihm. Das hieß, er erzählte ihm etwas, denn Bill konnte ihm ja nicht antworten und er bekam die Bemühungen seines Bruders wahrscheinlich auch gar nicht mit. Es tat mir schrecklich leid, ihn so zu sehen. Heute waren Tom und ich wieder bei Bill gewesen. Die Schwester hatte gerade gemeint, dass wir jetzt gehen sollten und so verabschiedeten wir uns von Bill, ob er es nun mitbekam oder nicht und gingen raus. Wir gingen schweigend nebeneinander her aus der Klinik. Wir wollten zu mir gehen. Zuhause erinnerte Tom alles an Bill und vielleicht würde es bei mir nicht ganz so schlimm sein. Plötzlich fing er zu reden an.´Meinst du, Bill wacht wieder auf?´

Mein Herz blieb für einen kurzen Augenblick stehen. Das war die Frage, die ich mir schon die ganze Zeit stellte, die ununterbrochen in meinem Kopf herumschwebte. Würde Bill wieder aufwachen? Würde ich ihm jemals sagen können, dass ich seine Gefühle erwiederte? ´Ich weiß es nicht´, antwortete ich wahrheitsgemäß. ´Aber er ist zäh. Bill hat immer für das gekämpft, was ihm wichtig war und ich denke, sein Leben ist ihm wichtig, also wird er kämpfen. Ich weiß, das ist schwer, aber uns bleibt glaub ich nichts anderes übrig, als abzuwarten.´Tom nickte stumm. Für den Rest des Weges sprachen wir kein Wort mehr miteinander. Bei mir zuhause angekommen, gingen wir in mein Zimmer. ´Willst du was trinken?´ Tom schüttelte nur mit dem Kopf. Das war auch etwas, was mit Sorgen bereitete. Seit Bills Unfall aß und trank Tom kaum etwas. Wir saßen eine Weile stumm da, doch plötzlich unterbrach Tom diese Stille: ´Warum musste das passieren? Warum ist er in dieses verdammte Auto reingelaufen? Warum?´ Seine Stimme klang verzweifelt und er kämpfte mit den Tränen. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Ich wusste, wie sehr er seinen Bruder liebte, aber das er so offen seine Gefühle zeigte, war untypisch für Tom. Er war verletzlich geworden. Andererseits hatte er gerade die Frage gestellt, die ich mir selbst nicht beantworten konnte. Oder doch? Ich war doch schuld gewesen. Ich.

´Ich bin schuld´, ohne jegliche Emotionen zu zeigen, schaute ich ihm in die Augen. ´Du bist schuld? Aber warum? Was laberst du da für ne Scheiße? He, Dana!´ Tom schaute mich verzweifelt an. ´Weil ich ihn verletzt habe´ ´Aber wieso, was ist passiert, jetzt sag schon´ Jetzt packte er mich bei den Schultern und schüttelte mich. Es kam mir fast so vor, als glänzte Panik in seinen Augen. Er sorgte sich schrecklich um seinen Bruder. ´Bill hat mir, also...´ Ich stockte, doch dann erzählte ich Tom alles. Das ich so gezögert hatte, nachdem Bill mir seine Liebe gestanden hatte und dass er daraufhin gangangen war. Nur dass ich mich in letzter Zeit so unwohl gefühlt hatte, seit die Jungs weg waren, dass ließ ich aus. Das hatte ich nur Bill anvertraut und dabei würde es auch bleiben.

Nachdem ich geendet hatte schaute Tom mich traurig an. ´Aber das ist doch nicht deine Schuld. Bill ist für seinen Unfall selbst verantwortlich. Natürlich, wegen dir war er abgelenkt, aber er hätte ja nicht einfach so abzuhauen brauchen.´ ´Schon, aber ich fühle mich so mies. Ich mach mir solche Vorwürfe.´ ´Das brauchst du nicht´, vorsichtig nahm Tom mich in den Arm. Und jetzt kamen sie, die Tränen, die ich die ganze Zeit versucht hatte zu unterdrücken. Ich hielt es nicht mehr länger aus. Nach einer Weile löste ich mich aus Toms Umarmung und er schaute mich fragend an. ´Liebst du ihn?´ Stumm nickte ich mit dem Kopf. ´Es wird alles gut, wir dürfen jetzt nur nicht aufgeben. Bill braucht uns jetzt´ Er hatte Recht, das wusste ich. ´Ja, Bill braucht uns jetzt.´

11.

Mittlerweile waren zwei weitere Wochen vergangen und Bill lag immernoch im Koma. Nach wie vor besuchte ich ihn jeden Tag. Meistens ging ich mit Tom zusammen. Auch heute hatten wir vereinbart, zusammen zu gehen. Er wollte mich am Nachmittag abholen.

Ich hatte mich gerade angezogen und war am überlegen, was ich jetzt bis nachmittags machen könnte, da es erst ein Uhr war, da klingelte es Sturm. ´Ja, ja, is ja gut´, rief ich und ging genervt zur Tür. Ich hasste es, wenn jemand so penetrant klingelte. Als ich öffnete fiel mir Tom direkt um den Hals, er ließ mich nicht mal zu Wort kommen. ´Bill ist aufgewacht! Das Krankenhaus hat gerade eben angerufen!´ Bill war wach? Endlich, mir fiel ein Stein vom Herzen und ohne, dass es mir bewusst war, bahnte sich eine kleine Träne ihren Weg über meine Wange. ´Wir müssen sofort zu ihm!´ Hektisch zog Tom an meinem Arm. Natürlich mussten wir zu ihm, keine Frage. Also beeilte ich mich, hinterher zu kommen. Tom hatte ein unglaubliches Tempo drauf, dafür, dass er sonst immer so unsportlich war. In Rekordzeit waren wir beim Krankenhaus angekommen. Tom strahlte, als er endlich die Tür zu Bills Zimmer öffnete. Es sah genauso aus wie vorher. Immernoch die vielen Maschinen, immernoch alles weiß und auch Bill sah genauso weiß aus wie vorher. Seine Augen waren geschlossen, aber als wir den Raum betraten, öffnete er sie schwerfällig. Seine Mundwinkel zuckten und ich konnte an seinen Augen sehen, dass er lächelte, oder es zumindest versuchte. ´Bill!´ Tom stürmte auf seinen Bruder zu und fiel ihm um den Hals. Ich musste lächeln, es war einfach zu niedlich, wie Tom sich freute. Natürlich freute auch ich mich riesig, aber bei mir schwang auch ein wenig Angst mit, wie Bill mich jetzt behandeln würde. Und dann geschah etwas, was die allgemeine Freude schlagartig verstummen ließ.

´Wer bist du? Und wer ist Bill?´, fragend schaute Bill seinen Zwilling an, nachdem dieser ihn wieder losgelassen hatte. ´Haha, Bill du alter Scherzkeks. Dir scheints ja schon wieder richtig gut zu gehen´, lachte Tom. Doch die gewünschte Reaktion, nämlich dass Bill lachte, trat nicht ein. Stattdessen runzelte er nur die Stirn. Doch sofort ließ er es wieder und schaute schmerzverzerrt. Anscheinent tat es noch weh, sich soviel zu bewegen. ´Ich mache keinen Scherz. Wer bist du?´ ´Mensch Bill, ich bins, Tom, dein Zwillingsbruder!´ ´Mein Zwillingsbruder? Ich hab einen Zwilling? Und wer ist Bill?´ ´Du bist Bill, verdammt´ ´Ich weiß nicht, ob ich dir glauben kann´,unsicher schaute Bill zu Tom hoch. Dieser blickte verzweifelt zu mir. ´Mensch Dana, tu doch was!´ Was sollte ich denn schon tun? Ich war doch genauso geschockt wie Tom, dass Bill sich anscheinend an nichts mehr erinnern konnte. Ich ging zum Bett und schaute Bill genau in die Augen. ´Hey Bill, ich bins, Dana´ ´Hallo Dana. Wer bist du? Meine Zwillingsschwester?´ ´Nein Bill, du bist mein bester Freund!´ ´Ich bin dein bester Freund? Es tut mir leid, aber ich kenne euch nicht. Vielleicht kannte ich euch mal, aber im Moment erinnere ich mich an gar nichts. Mein Gedächtnis ist wie leergefegt. Könnt ihr mir sagen, wer ich bin?´

Das war zuviel. Er hatte alles vergessen? Wirklich alles? Das konnte doch nicht sein! Die Freude, dass er lebte wurde wieder überschattet. Was war, wenn er sich jetzt auch vom Charakter her verändert hatte? Und wenn er sich nicht mehr an mich erinnerte, kannte er mich auch nicht. Somit liebte er mich nicht mehr. Tränen stiegen mir in die Augen. In diesem Moment wurde die Tür geöffnet. ´Huch, sie sind schon da? Ich wollte eigentlich erst mit ihnen sprechen, bevor sie ihn sehen.´ ´Was ist mit ihm? Warum erkennt er mich nicht mehr?´, verzweifelt schaute Tom den Arzt an, der ihn mitleidig musterte. ´Er hat eine Amnesie. Es kann sein, dass sie vorübergehend ist. Es kann aber auch sein, dass er sein Gedächtnis nie mehr zurück erlangt.´ Diese Worten trafen Tom und mich hart. Und natürlich nicht nur uns. Auch Bills Eltern, Freunde und alle Tokio Hotel Fans. Was wurde denn jetzt aus der Band, wenn der Sänger nicht einmal mehr wusste, wer er war?

12.

Die Wochen vergingen. Jeden Tag besuchte ich Bill und auch die anderen waren ständig bei ihm. Wir erzählten ihm alles über sich und sein bisheriges Leben, doch für ihn war es, als lauschte er der Geschichte eines Fremden. Er wusste wirklich kaum noch etwas. Vor allem, als wir ihm von Tokio Hotel und ihrem derzeitigen Erfolg erzählten, war er überrascht und schüttelte nur den Kopf. Er meinte wohl, dass wir ihn reinlegen wollten. Er glaubte es uns erst, als er schon wieder eine Woche zuhause war und Tom ihm einige Videos von ihnen zeigte. Ein ungläubiges Kopfschüttel und ein erstauntes ´Echt?´, waren häufige Äußerungen von Bill, seit seinem Unfall. Demn jeden Tag lernte er etwas Neues über sich kennen, was ihn völlig faszinierte. Das war wirklich er gewesen? Das hatte er getan, gesagt, gemacht? Wie ein kleines Kind hing er einem staunend an den Lippen, wenn man ihm etwas erzählte. Ich tat immer fröhlich und ging normal mit ihm um, aber in meinem Inneren sah es ganz anders aus. Es schmerzte schrecklich, ihn so zu sehen. Nie wieder würde es so sein wie früher. All die schönen, gemeinsamen Erinnerungen waren gelöscht. Nichts war da, was uns noch verband. Es hatte Tage gedauert, bis er mir endlich geglaubt hatte, dass ich wirklich seine beste Freundin gewesen war. Das alle verletzte mich so unheimlich. Und eine Sache war besonders schmerzhaft: Auch sein Liebesgeständnis war wie ausgelöscht. Ich hatte ihm auch nichts davon erzählt. Wie hätte er darauf auch reagieren sollen? Ich konnte ja schlecht hingehen uns sagen: ´Hey Bill, ach übrigens, du hast es vielleicht grad vergessen, aber in Wirklichkeit bist du unsterblich in mich verliebt.´ Er liebte mich nicht mehr und ich ihn umso mehr...

Ich redete oft mit Tom über mein Problem, doch natürlich konnte auch er mir nicht helfen. Er war ja selbst völlig fertig mit den Nerven. Sein eigener Zwilling kannte ihn nicht mehr! Stundenlang saß er mit Bill zusammen und erzählte ihm aus seinem Leben. An irgendetwas musste er sich doch erinnern! Jedenfalls hoffte er das. So wie wir alle hofften. Nämlich, dass die Amnesie verschwinden würde, dass Bill wieder der alte war. Aber unsere Hoffnung schien unerfüllt zu bleiben.

Von Tag zu Tag lernte Bill mehr über sich und sein Leben vor dem Unfall kennen. Manchmal glitzerte es kurz in den Augen und man hatte das Gefühl, dass er sich vielleicht erinnerte, aber jedesmal, wenn ich ihn fragte, schüttelte er nur enttäuscht den Kopf. Wir unternahmen viel und trafen uns täglich, so wie früher. Die Band war erstmal auf Eis gelegt. Als Bill das erste Mal ein Lied von ihnen gehört hatte, hatte er nur die Stirn gerunzelt. Das war seine Stimme, das hatte er gesungen? Langsam fingen sie wieder an zu proben, doch Bill musste alle Songs wieder neu lernen. Und die meisten konnte er gar nicht mehr so gut singen. Von der Technik her war es in Ordnung, aber die Gefühle fehlten. Denn wenn man alles vergessen hat, weiß man auch nicht mehr, wie sich Liebeskummer anfühlt, oder wie es einem ergeht, wenn die Eltern sich trennen. Alle Erfahrungen seines bisherigen Lebens waren weg und somit auch die Verbindung zu den Songs. Schließlich fing er an, neue zu schreiben und es machte ihm auch Spaß, aber es waren allesamt traurige, depressive Lieder. Ich redete oft mit ihm. Einmal zeigte ich ihm sogar meine Gedichte. Er fand sie gut, sie gefielen ihm, aber er erinnerte sich nicht. Mein Vertrauen zu ihm blieb, aber ich konnte ihm trotzdem nicht mehr alles erzählen. Er war mit meinen Problemen überfordert. Er hörte sie sich zwar höflich an, aber da ich für ihn wie eine Fremde war, war es ihm eher unangenehm.



Mittlerweile war der Unfall ein halbes Jahr her. Noch immer blieb die Erinnerung aus. Egal was wir versucht hatten, sie war ausgelöscht. Für immer. Wir waren inzwischen wieder gute Freunde geworden und machten viel Quatsch. Aber Bill hatte sich verändert. Er war ernster und schüchterner als vorher. Wenn er sich alte Interviews ansah, staunte er nur, wie schnell und viel er früher geredet hatte. Er musste jedesmal lachen und fragte uns regelmäßig, wie wir das nur ausgehalten hätten. Ich stimmte jedesmal in das Lachen mit ein, doch in Wirklichkeit war mir gar nicht nach Lachen zumute. Wie gerne hätte ich diesen alten Bill zurückgehabt, der immer redete. Der aufgedreht und neugierig war. Der mir vertraut war. Natürlich mochte ich ihn, aber er war nunmal nicht mehr er selbst. Nicht der Bill, den ich kannte. Und trotzdem liebte ich ihn immernoch. Natürlich wäre es besser gewesen, das zu vergessen und das alles als Neuanfang anzusehen, doch es gelang mir nicht. Die Gefühle blieben, egal wie sehr sie schmerzten. Es war mir auch egal, dass ich langsam daran kaputt ging. Den Bill, den ich liebte, gab es nicht mehr. Und er würde nie mehr zurückkommen. Die Band fing langsam an, wieder aufzutreten, aber die meisten Fans hatten sie verloren. Sie wollten den coolen Bill und nicht diesen Schatten, der sich selbst kaum noch kannte. Außerdem waren eigentlich alle Lieder depressiv und ruhig. Das war ja eigentlich schön, aber es zog einen nur runter und das mochten die meisten nicht. Ich liebte die Musik der Jungs jetzt dafür mehr denn je. Sie passte zu mir. Ich war seit Bills Unfall nicht mehr glücklich. Ich tat so, aber das war nur Fassade. In meinem Innern sah es anders aus. Schwarz.

13.

Heute war ich mit Bill im Kino gewesen. Ich hatte die Idee gehabt. Zuerst wollte er nicht, doch ich hatte ihn überredet. Er konnte doch nicht nur den ganzen Tag depressiv in seinem Zimmer sitzen und aus dem Fenster starren. Ich glaube, ich hätte genau das liebend gerne getan, aber ich konnte nicht. Wenigstens einer musste stark bleiben. Ich musste Bill hochziehn. Und vielleicht würde er ja irgendwann wieder die Gefühle für mich entwickeln, die er früher gehabt hatte.

So waren wir also im Kino gewesen und es hatte uns beiden ziemlich gut getan. Nach einer ausgiebigen Popcornschlacht und viel Gelächter wurden wir schließlich aus dem Kino geschmissen. Doch es machte uns nicht. Wir lachten immernoch, als wir schon draußen standen. Den ganzen Weg über quatschten wir und mussten immerwieder kichern. Es war fast wie früher und mir ging es das erste Mal wieder richtig gut. Ich war glücklich und auch Bill freute sich. Wir standen jetzt gegenüber von meiner Wohnung, auf der anderen Straßenseite. ´So, da wären wir´, ich grinste Bill an und wieder mussten wir kichern. ´Das war echt n schöner Abend. Danke, dass du mich aus meinem Kämmerchen gelockt hast, sonst wär ich da mal wieder versauert. Das sollten wir öfter machen!´, er lächelte mich an. ´Klar, gerne doch. Ich muss jetzt, bis morgen.´ ´Ok, bis dann. Du bist echt ne gute Freundin, Dana.´ Ich musste lächeln. Das war das erste Mal, dass er sowas zu mir sagte, jedenfalls seit seiner Amnesie. ´Danke, du bist auch echt n guter Freund!´ Wir umarmten uns zum Abschied, auch etwas, was wir schon lange nicht mehr getan hatten. Als wir uns schließlich trennten drückte ich Bill noch schnell einen Kuss auf den Mund. Ich drehte mich nochmal kurz um, während ich die Straße überquerte und winkte ihm zu, er winkte zurück. Als ich meinen Kopf wieder zurück richtete, stockte mir der Atem. Ein Auto raste genau auf mich zu. Ich wollte wegrennen, doch ich stand wie angewurzelt da. Bill rief meinen Namen und ich drehte mich zu ihm um. Ein letztes Mal schaute ich ihn an und entdeckte dieses vertraute Glitzern in seinen Augen wieder. Dann erfasste mich der Wagen.

**Bill**

Nachdem wir uns zum Abschied umarmt hatten, drückte sie mir schnell noch einen Kuss auf die Lippen und ging dann über die Straße. Sie drehte sich nochmal um und winkte mir zu. Ich winkte zurück, doch in diesem Moment blieb mein Herz stehen. Ein Auto raste genau auf sie zu! ´DANA´, panisch rief ich nach ihr, doch es war zu spät. Mit angstgeweiteten Augen schaute sie mich an und in diesem Augenblick passierte es. Meine Erinnerung kehrte zurück. Alles fiel mir wieder ein, alles. Aber vor allem, dass ich sie liebte! Doch in diesem Moment erfasste der Wagen sie. ´NEIN!´ Panisch rannte ich zu ihr. Blutend lag sie auf der Straße. Ich kniete mich neben sie. Langsam bildete sich eine Blutlache um ihren Kopf. Ich legte ihn vorsichtig auf meinen Schoß und strich ihr über die Stirn ´Dana, hörst du mich? Bitte wach doch auf, ich liebe dich!´ ´Ich liebe dich auch´, flüsterte sie mit ersterbender Stimme. ´Dana!´ Eine Träne rollte mir über die Wange. ´Bitte, es wird alles gut, bald kommt jemand und hilft dir, du musst nur wach bleiben, ja? Bleib wach, lass mich hier nicht allein´, verzweifelt redete ich auf sie ein, doch als ich ihren Puls fühlte, wusste ich, dass es sinnlos war. Sie war tot.

Jetzt wo ich mich endlich erinnert hatte. Jetzt wo wir so glücklich hätten sein können, musste sie gehen. Ich schluchzte und mein verzweifelter Schrei durchbrach die friedliche Stille der Nacht.



Augenblick

Wenn das jetzt alles war
Der letzte Morgen war
Wär das der letzte Herbst
Mein letztes Jahr
Und müsst ich gehn

Für dich den schönsten Blick
Für dich den schönsten Blick
Mein Augenblick
Für dich den letzten Blick
Für dich den letzten Blick
Mein Augenblick
Für dich, immer nur für dich

Immer nur für dich

Nehm von dir was mit

Und lass ein kleines Stück
Von mir bei dir

Und ich pass sehr gut auf
Damit es nie zerbricht
Halt ichs fest


Für dich den schönsten Blick
Für dich den schönsten Blick

Mein Augenblick
Für dich den letzten Blick
Für dich den letzten Blick

Mein Augenblick
Für dich immer nur für dich
Immer nur für dich...

-ENDE-

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